Wenn Deutschland die Energiewende schaffen, Versorgungssicherheit garantieren und die Kosten im Stromsystem senken will, führt an mehr Flexibilität kein Weg vorbei. Das wurde beim Webinar „Prioritäten für eine Flexibilitätsagenda für das deutsche Stromsystem“ deutlich, das EPICO KlimaInnovation gemeinsam mit Guidehouse veranstaltete.
Im Mittelpunkt standen die Ergebnisse der gleichnamigen Studie, die über 50 Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern identifiziert. Sie macht klar: Damit Flexibilität systemdienlich genutzt werden kann, müssen Hemmnisse wie regulatorische Barrieren, fehlende Preissignale und mangelnde Infrastruktur gezielt abgebaut werden.
Fünf Handlungsfelder wurden im Webinar vertieft diskutiert – darunter besonders drängende Themen wie der schleppende Smart-Meter-Rollout und die Reform der Netzentgeltsystematik. Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden zeigten auf, wo Hebel für die Praxis liegen und welche Weichen jetzt gestellt werden müssen.
Die Studie: Flexibilität gezielt heben
Dr. Felix Arnold, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) betonte, die Studie schaffe dringend benötigte Struktur in einem komplexen Querschnittsthema. Viele Einzelmaßnahmen müssten ineinandergreifen, damit das Gesamtsystem funktioniert. Er hob hervor, dass der Ausbau der Erneuerbaren die Strommarktvolatilität stark erhöht habe. Negative Preise und extreme Preisschwankungen nähmen zu – und damit steige der wirtschaftliche Anreiz für Flexibilität. „Flexibilität ist kein Nischenthema der grünen Energiewende, sondern entscheidend für Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz“, so Arnold.
Industrie: Flexible Prozesse brauchen klare Anreize
Prof. Hans Ulrich Buhl, FIM & Kopernikus-Projekt SynErgie brachte insbesondere die Perspektive der Industrie ein. Seit 2016 arbeitet SynErgie daran, industrielle Flexibilitätspotenziale zu heben – mit vielen integrierten Forschungs- und Praxisprojekten, insbesondere in der Modellregion Augsburg. Buhl machte deutlich: Hemmnisse allein zu benennen reicht nicht, sie müssen beseitigt werden. Es brauche lokale, örtlich und zeitlich differenzierte Anreize, damit Unternehmen bereit und in der Lage sind, ihre Flexibilität anzubieten. Flexible Industrieprozesse seien entscheidend, um die Energiewende robust und kosteneffizient zu gestalten.
Unternehmen: Digitalisierung, Kosten, Kundenzugang
Sebastian Schaule, Head of Political and Public Affairs, Octopus Energy zeigte die Praxisprobleme aus Unternehmenssicht: Der Smart-Meter-Rollout komme nur schleppend voran, Hardware und IT-Kosten seien hoch, und oft funktioniere die Bilanzierung nicht. Dynamische Börsenpreistarife seien aus seiner Sicht überschätzt: Viele Kunden seien risikoavers, und massenhafte Reaktionen – etwa von Elektroautos – könnten das System belasten. Octopus setze deshalb auf zeitvariable, aber feste Tarife, kombiniert mit Automatisierung. „Der Kunde gibt nur noch das Ziel ein, wir steuern den Rest“, so Schaule. Ein zentraler Datenzugang nach britischem Vorbild könnte helfen, Kosten und Komplexität zu senken.
Netzbetreiber: Datenschutz, Steuerung, faire Entgelte
Rainer Stock stv. Abteilungsleiter Energiewirtschaft und Bereichsleiter Netzwirtschaft, Verband kommunaler Unternehmen (VKU) vertrat die Perspektive der Netzbetreiber. Flexibilität sei notwendig, doch ein „Rollout light“ bei Smart Metern berge Risiken: Datenschutz und Prozessstabilität müssten ernst genommen werden. Er sprach sich für Grundpreise bzw. Kapazitätspreise aus, warnte aber vor komplexen Einspeisenetzentgelten. Dynamische Netzentgelte hätten grundsätzlich Potenzial, müssten aber so gestaltet sein, dass sie Systemstabilität und Investitionssicherheit stärken. Sie sollten nur bei konkretem Bedarf eingesetzt werden.
Fazit: Flexibilität gemeinsam gestalten
Alle Teilnehmenden waren sich einig: Flexibilität ist ein zentraler Hebel der Energiewende – aber kein Selbstläufer. Es braucht technische Infrastruktur, digitale Lösungen, klare Preissignale und eine kluge Regulierung, die Marktteilnehmer motiviert statt blockiert. Die Studie liefert dafür einen wichtigen Orientierungsrahmen.
Mehr erfahren?
Die vollständige Studie „Prioritäten für eine Flexibilitätsagenda für das deutsche Stromsystem“ können Sie hier einsehen.
Die im Webinar vorgestellte Übersicht aller im Projekt betrachteten Hemmnisse und empfohlenen Politikmaßnahmen können Sie hier downloaden:
Präsentation zum Webinar (Folien mit zentralen Ergebnissen und Empfehlungen)
Anlage zur Studie (Übersicht der Handlungsfelder und Maßnahmensteckbriefe)