EPICO KlimaInnovation wird von einem unabhängigen Beirat aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft begleitet. Dieser berät die EPICO-Experten bei der strategischen Ausrichtung und den Leitlinien des Think Tanks.
In unserer Interviewreihe stellen wir die Arbeit, Expertise und Motivation jedes Beiratsmitglieds vor und beleuchten zentrale Fragen zur Zukunft der europäischen Energiewende.
Wir stellen Kerstin Andreae vor. Seit 2019 steht sie an der Spitze des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) als Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung. Zuvor prägte sie über viele Jahre die Energie- und Wirtschaftspolitik Deutschlands – als Bundestagsabgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen.
Frau Andreae, was hat Sie motiviert, dem Beirat von EPICO beizutreten?
Die Energiewende verstehe ich als grundlegende Modernisierung des Standorts Deutschland! Wir dekarbonisieren die Energieerzeugung, wir elektrifizieren Industrie und Verkehr, wir erneuern und digitalisieren die Netze, wir bauen die Gaswirtschaft um und vollziehen eine Wärmewende, kurzum: Wir erneuern das Fundament unseres Landes. Dabei leistet die Energiewirtschaft ihren Beitrag, was am Beispiel des Stromsektor vielleicht einige Beispiel verdeutlichen: So ist der Anteil an Erneuerbarer Energie am Bruttostromverbrauch im Jahr 2024 auf mittlerweile 55 Prozent angestiegen, die Neuanschlüsse ins Stromnetz liegen auf Rekordniveau, zugleich konnte seit 2006 die Dauer der Versorgungsunterbrechungen in etwa halbiert und ein Spitzenplatz in puncto Versorgungszuverlässigkeit gehalten werden.
Die Herausforderungen mit Blick auf die neue 21. Legislaturperiode bleiben hingegen groß. Es gilt die regulatorischen Weichen in einem tragfähigen Gesamtkonzept so zu stellen, dass die Versorgungssicherheit durch eine klare Kraftwerksstrategie und den synchronen Ausbau erneuerbarer Energien mit dem Netzausbau gewährleistet wird, während gleichzeitig bezahlbare Preise für Industrie und Verbraucher sichergestellt sind. Klar ist auch: Es braucht eine Kurskorrektur in Richtung Kosteneffizienz, Systemintegration und Bürokratieabbau. Die Devise muss lauten: Vernünftig planen, effizient umsetzen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir diesen großen Herausforderungen am besten gemeinsam begegnen und ihre Chance gemeinsam ergreifen sollten. Daher ist es mir sehr wichtig, vernetzt zu denken, Kräfte zu bündeln und voneinander zu lernen. Ich freue mich daher sehr, den weiteren Weg gemeinsam zu gehen und im Rahmen von EPICO meinen Beitrag leisten zu dürfen.
Zu Beginn dieser EU-Legislaturperiode: Welche konkreten Schritte sind jetzt entscheidend, um Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern?
Es ist sehr sinnvoll, dass die EU-Kommission Klimaschutz und Industriepolitik zusammendenkt. Wir brauchen klare Prioritäten und entschlossene Maßnahmen von der EU und eine Umsetzung in den Mitgliedstaaten. Dabei ist wichtig, dass die EU groß im Großen und klein im Kleinen bleibt. Sie muss die Leitplanken setzen und darf sich nicht im Klein-Klein der Regulierung verlieren. Positiv ist, dass die beiden ersten Omnibus-Pakete den wiederholt auch vom BDEW geforderten Bürokratieabbau im Visier haben. Deshalb muss auch dafür Sorge getragen werden, an anderer Stelle nicht neue Berichtspflichten zu schaffen, die das Ziel des Bürokratieabbaus wieder konterkarieren würden. Um die ambitionierten Klimaziele des Green Deal zu wahren, muss der Clean Industrial Deal effiziente Umsetzungsstrategien und Investitionsanreize schaffen. Gleichzeitig ist die Beschleunigung des Ausbaus von Erneuerbaren Energien, Energieinfrastrukturen und Speicherkapazitäten essenziell, um die Energiepreise langfristig stabil zu halten und die Resilienz der EU zu stärken.
Mit Blick auf den Affordable Energy Action Plan ist die zügige und vollständige Umsetzung bereits beschlossener Maßnahmen, insbesondere zum Strommarktdesign, von zentraler Bedeutung, um Energie langfristig bezahlbar zu halten. Es gilt hierbei Markteingriffe zu vermeiden und Maßnahmen für erschwingliche Energie außerhalb der Energiemärkte zu adressieren, um ihre Funktionsfähigkeit nicht zu gefährden. Steuersenkungen und gezielte Zuschüsse zu den Netzentgelten sind wirksame Mittel, um zügig Entlastung für Verbraucher schaffen. Die Vertiefung des Binnenmarktes und Ausbau der grenzüberschreitenden Infrastruktur stehen zu Recht hoch auf der Agenda. Entscheidend auf europäischer Ebene ist aber auch, die noch ausstehenden konkretisierenden Vorgaben pragmatisch ausgestaltet vorzulegen. Dies gilt insbesondere für den Hochlauf des Wasserstoffmarktes.
Welche Hebel muss Deutschland – gemeinsam mit der EU – in Bewegung setzen, um den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft voranzubringen?
Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ist ein zentrales Element für das Gelingen der Energiewende und die Sicherung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit. Hier sollte der pragmatische Ansatz gelten: „so viel wie möglich, so schnell wie möglich, so günstig wie möglich“. Ein großes Hindernis dafür sind zu strikte Kriterien für die Herstellung von erneuerbarem Wasserstoff und von kohlenstoffarmem Wasserstoff. Vor diesem Hintergrund sollten die entsprechenden Regulierungen auf Vereinbarkeit mit den ambitionierten EU-Zielen für den Wasserstoffhochlauf überprüft bzw. entsprechend pragmatisch ausgestaltet werden. Darüber hinaus müssen insbesondere die Wasserstoffnachfrage hochgefahren und der Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur vorangetrieben werden. Der erfolgreiche Wasserstoffhochlauf ist bedeutsam für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und für den Erhalt des Wirtschaftsstandortes. Europa wird so resilienter und bewahrt seine Technologieführerschaft.
Neben der heimischen Wasserstofferzeugung muss die EU aber auch Potenziale außerhalb Europas stärker erschließen. Hierfür gilt es, die internationale Anschlussfähigkeit der europäischen Regeln sicherzustellen, damit Europa am globalen Wasserstoffhandel partizipieren kann. Dafür benötigt die EU eine gesamtheitliche H2-Importstrategie, die zuverlässige Partnerschaften mit Drittstaaten vorsieht
Insgesamt braucht es zudem eine noch strategischer ausgerichtete europäische Wasserstoffagenda. Von großem Nutzen wäre hierbei insbesondere eine noch engere Abstimmung jener Regierungen in Europa, die sich perspektivisch auf Wasserstoff ausrichten. Gerade Deutschland mit seiner umfassenden, geschätzten Wasserstoff-Nachfrage kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Es gilt daher insbesondere für die Bundesregierung, auf europäischer Ebene für einen pragmatischen Wasserstoffhochlauf entschlossen einzutreten und sich auf diesem Weg mit den europäischen Partnern eng abzustimmen!
Bei EPICO nehmen wir die großen Herausforderungen der Energiewende aktiv an. Wir sind überzeugt, dass eine Klima- und Energiepolitik, die auf Wettbewerb und Innovation setzt, der Schlüssel ist, um CO2 und andere Treibhausgase verlässlich und effizient zu reduzieren. So können Umwelt- und Klimaschutz, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und soziale Gerechtigkeit miteinander vereint werden. Entdecken Sie unsere neuesten Publikationen und bevorstehenden Veranstaltungen und bleiben Sie gespannt auf weitere Interviews mit unserem Beirat.